Jazz Piano

Jazz Piano stellt die hohe Kunst des modernen Klaviers dar. Dabei gibt es unendlich viele Arten von Piano-Jazz. Von farbenreichen Arrangements von Swing-Klassikern über Trio-Jazz mit einer Rhythm Section bis hin zu wildem Free-Jazz. Kurz gesagt: Jazz-Piano ist nicht gleich Jazz Piano.

Oft stelle ich fest, dass viel nur eine sehr vage Vorstellung von modernen Klavierspiel haben. Ich spiele ihnen dann etwas vor, das man am ehesten als Jazz-Piano bezeichnen würde. In der Regel finden sie es wunderschön. Auch wenn sie mir nur zwei Minuten davor gesagt haben, sie würden Jazz nicht mögen. Die meisten glauben in ihrem Halbwissen, es handle sich dabei um irgendetwas Wildes.

1. Jazz Piano vs. klassisches Klavierspiel – was ist der Unterschied?

Der Unterschied ist riesig. Beide Pianisten spielen auf 88 Tasten. Doch die Ergebnisse könnten nicht verschiedener sein. Kurz: Der klassische Pianist interpretiert Kompositionen großer Meister. Er spielt ein Repertoire eines Komponisten. Oder es konzentriert sich auf eine Epoche. Er hat eine konkrete Klangvorstellung, die er erreichen will. Spieltechnik sowie der Anschlag sind sehr wichtig.

Beim Jazz-Piano ist das Gegenteil der Fall. Ziel ist es, eine eigene Sprache zu finden. Also etwas Eigenes zu kreieren. Dabei orientiert er sich natürlich auch an den großen Meistern. Er kopiert diese zunächst. Doch im Laufe seiner Karriere möchte er eine „eigene Sprache“ entwickeln. Die soll einen hohen Wiedererkennungswert haben.

Jazz Piano

Jazz Piano – ein unerschöpfliches Gebiet

2. Stilprägende Jazz Pianisten

Jazz-Piano ist sehr umfassend. Darum soll diese Zusammenfassung nur eine stark vereinfachte Einleitung darstellen.

Die 4 Giganten:

1. Bill Evans – der prägendste Jazz Pianist

Bill Evans prägte den Jazz der 60er Jahre. Sein Spiel beeinflusst ganze Generationen bis zum heute.

2. Chick Corea – der Picasso des Jazz

Chick Coreas Klavierspiel ist schwer einzuordnen. Von wildem Fusion, über Jazz-Trio bis hin zu Solokonzerten. Er scheint sich überall wohlzufühlen. Besonders faszinieren mich seine Trio-Aufnahmen. Er spielt oft x-mal gehörte Jazz-Standards auf eine unnachahmliche Art. Vermutlich etwa so, wie wenn Picasso das Bild einer Frau malt.

3. Herbie Hancock – der Tausendsassa

Herbie Hancock setzte die Messlatte bereits in seinen frühen 20er Jahren hoch. Sein Inside-Outside-Spiel war überragend. Auch er kennt keine stilistischen Grenzen. Seine letzten Alben, auf denen er bekannte Popsongs mit aktuellen Künstlern der Popszene aufnahm, gelten als Juwel.

4. Keith Jarrett – der Überpianist

Es gibt vermutlich nichts, was Keith Jarrett nicht schon am Klavier gespielt oder komponiert hat. Von improvisierten Solokonzerten über sein Jazz-Trio wie auch seine klassischen Einspielungen. Man stelle sich das einmal vor. Vor versammeltem Publikum improvisiert er ganze Werke, entwickelt neue Motive und verändert diese. Er ist vermutlich einer der wenigen Musiker, die sowohl im Jazz, als auch in klassischen Kreisen höchste Anerkennung genießen. Seine Kompositionen für klassisches Orchester sind mein persönlicher Favorit.

Natürlich gäbe es an dieser Stelle noch unzählige andere Pianisten aufzuzählen. Doch das würde den Rahmen hier sprengen.

3. Jazz-Piano lernen – wo beginnen?

Diese Frage kann ganz schön schwer sein. Denn Jazz ist ja nicht gleich Jazz. Vielen denken da zuerst an Free Jazz. Obwohl dies nur ein sehr kleinen Teil ist.

Wenn du erst ein paar Monate spielst, dann ist aller Anfang leicht. Du lernst die Basic im PianoStarter. Dann kannst du die interaktiven Kurse Blues & BoogieWoogie Piano, Chords&Scales und PianoImprovisations buchen. Diese bilden die Grundlagen, um später Jazz-Piano zu lernen.

Nachdem du die Basics bzgl. Vierklänge kannst, geht’s rasch ans richtige „Feeling“. Im Jazz ist es weniger wichtig, WAS du spielst, sondern WIE du es spielst. Auch die besten Akkorde und die verrücktesten Tonleitern hören sich fade an, wenn es nicht richtig swingt.

4. Die Bausteine

Tonleitern (im englischen Scales), Akkorde (im englischenChords) sind wichtig. Jedoch ist das Feeling letzten Endes der entscheidend. Die Songs werden in Form von Leadsheets notiert. Da stehen dann die Akkorde und die Melodie in der einfachsten Form. Dies ist jedoch noch keine Musik. Pianisten, die die Tonleitern von hinten bis vorne geübt haben, sind natürlich im Vorteil. Jedoch wie lernt man das Feeling des Jazz Piano am Klavier?

Probiere zunächst folgendes:

  1. stelle das Metronom auf 50 ein. 
  2. in der Regel fühlen diese alle Pianisten zunächst als Viertelnoten
  3. nun zähle mit: auf jeden Klick 2 und 4 (also nicht: 1,2,3,4)
  4. das ist doch recht ungewohnt, gerade wenn du ein klassischer Pianist bist
  5. dann spiele zunächst nur eine Note auf die eins am Klavier (ja nur eine!)
  6. zähle gleichmäßig und locker mit

Ich, Sven Haefliger, Gründer von Klavier-lernen.ch, hatte damit zunächst große Mühe. Denn es fühlte sich einfach komplett luftleer an, fast schon free. Wo war ich? Wo ist die eins geblieben? Es war für mich zu Beginn alles andere als Swing. Schaffe ich das jemals? Da nützt auch die beste Spieltechnik nichts. Als klassischer Pianist mit großem Repertoire kannst du zwar stolz darauf sein. Jedoch um das 2 & 4 zu fühlen braucht es eine andere Qualität von musikalischem Können.

Dies ist ein längerer Prozess. Bei manchen geht’s ganz rasch, bei anderen (wie bei mir!) langsamer. Da kommt es darauf an, was du bisher gespielt hast. Diese Übung formt dein rhythmisches Empfinden – das A&O im Jazz.

Ein anderer Weg zum Erfolg

Es gibt auch noch einen anderen Weg, den melodischen Weg. Das ist dann die Sven Methode, wenn’s oben gar nicht geht.

Hierbei spielst du einfach Blues Scales. Dazu brauchst du kein großes technisches Können. Auch Leute mit nur wenigen Monaten Spielpraxis hatten sowas schon locker unter den Fingern. Hierbei kannst du den Swing außen vor lassen (so wie in der obgenannte Übung erklärt) – achte aber darauf, dass es nicht komplett free ist. Ein gleichmäßiger Puls ist wünschenswert.

Am besten machst du es so in Form eines Blues:

Jazz Piano - einfache Blues Form mit Blues Scale

Jazz Piano – einfache Blues Form mit Blues Scale

Das coole hierbei ist, dass du ohne großes Können am Piano schon ein wenig Jazz Piano Luft schnuppern kannst. Auch wenn das Feel noch nicht so drin ist, wirst du schon (sofern die Chords richtig sind), ein Empfinden für Jazz am Piano bekommen. Der Blues ist die Basis für alle Standards.

5. Jazz Piano ist amerikanische Kultur pur

Auch wenn es namhafte Pianisten außerhalb Amerika gibt: Jazz Piano ist durch und durch amerikanisch. Da ich auch eine kurze Zeit in Amerika war, ist auch mein Vokabular in Sachen Jazz Piano englisch. Ich habe auch dort mit dem Klavier begonnen. „Lessons, Chord, Music, free, Scales … “ – alles gebräuchliche Ausdrücke. Man kann diese zwar verdeutschen. Doch hört sich Scales einfach besser an als Tonleitern.

Im Internet findest du jede Menge „free Lessons“ – auch von sehr guten Pianisten. Nur: die meisten guten Pianisten sind keine guten Lehrer. Ein Finger da, ein Lick da und voilà – es sollte dann gut klingen. Doch der seriöse Aufbau fehlt meist. Das Fehlen von jeglichem Kontext. Ich habe schon Schüler getroffen, der sich diese Art von amerikanischen „music instructions“ gekauft hat – und dann einfach nicht weiterkam. Darum wichtig: du musst zuerst die Grundlagen beherrschen. Dann kannst du dich an den Jazz wagen.

6. Jazz Piano – kein Ziel, sondern ein Weg

Jazz-Piano zu lernen hört nie auf. Die Meister finden ihr ganzes Leben neues. Lass dich davon nicht entmutigen – es soll dir eher als Richtung dienen. Wenn du die ersten paar Jazz-Standards intus hast, wird vieles leichter. Denn die Akkordfolgen wiederholen sich auch im Jazz. Häufig bestehen Jazz-Standards aus einer Abfolge von II-V-I Verbindungen. Wenn du das Improvisieren heraußen hast,  eröffnet sich dir eine komplett neue Welt. Und das ist die Mühe wert, sich ausgiebig mit Akkorden, Tonleitern und dem Jazz-Feeling zu beschäftigen.

Übrigens: ich, Sven Haefliger Verfasser dieses Blogs, übe täglich Jazz Piano. Das ist ein nie aufhörender Prozess. Da gibt es soviel zu entdecken. Wenn du mal damit begonnen hast, ist es schwierig, damit wieder aufzuhören. :)

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