Newsletter Nr. 31: ich habe zuwenig Zeit zum üben!

Die Sache mit der Zeit…

Wenn ich meine Schüler nach den grössten Problemzonen frage, bekomme ich als erste Antwort immer: die fehlende Zeit. Da man einfach zu wenig Zeit zum Üben habe, macht man keine Fortschritte. Aha, die Zeit scheint ja ein richtiger Übeltäter zu sein!

Nun, wie wir wissen, haben wir alle 24 Stunden pro Tag Zeit. Niemand hat mehr, niemand hat weniger. Ein Experte in Zeitmanagement würde jetzt sagen, dass man sich die Zeit ja selber einteilen kann. Jeder von uns kann ausgehend von seinen Werten, Interessen und Vorlieben selber Prioritäten festlegen. Erwachsene haben in der Regel mehrere Rollen zu erfüllen: in Job, Familie, Weiterbildung, Freizeit & Erholung etc. – dies alles unter einen Hut zu bringen ist für Jeden eine Herausforderung.

Da bleibt das Klavier vielfach auf der Strecke. In Gesprächen mit Erwachsenen ist dies immer wieder ein Frust-Thema.

Klavier lernen Zeitmanagement

Zuwenig Zeit zum üben? Ist das wirklich so?

Ein Zeitmanagement Trainer würde dir folgendes sagen: Du managst nicht deine Zeit, sondern deine Aufgaben. Du setzt die Prioritäten gemäss deinen Werten und Vorstellung. Daran ist grundsätzlich nichts falsch. Doch beim Klavier lernen und üben steckt jedoch mehr dahinter als das reine Prioritäten setzen. Denn wenn jemand bei mir einen Online-Klavierkurs bucht, hat er ja schon eine Entscheidung getroffen. Die Entscheidung, dass er das Angebot nutzen möchte. Und dann fehlt angeblich die Zeit?

Ich denke, es geht um etwas ganz anderes: Vielfach haben wir dermassen hohe Ansprüche an uns selbst – Vorstellungen davon, mit welcher Leichtigkeit man seine Finger über dem Klavier schweben lässt. Die Realität ist dann ziemlich ernüchternd. Denn es braucht bei den meisten viel länger, als sie für möglich gehalten haben. Ist dies schlimm? Nur dann, wenn ich eine fixe Vorstellung davon habe, wie es JETZT zu klingen hat. Wenn ich auch technisch einfache Dinge mit wenigen Tönen geniessen kann, dann wird das Klavier zu einer Oase der Erholung. Ich baue immer wieder solche meditativen Momente in meine Woche ein. Ich sitze am Klavier und spiele – ich übe nicht. Ich spiele dann so einfache Stücke, dass mein Verstand nicht mehr gefordert ist. Dabei schwingt Leichtigkeit mit.

Ich bin mir sicher, dass es das ist, was alle Erwachsenen suchen. Einen Ort, wo man „sein“ darf. Wo keine Leistung erforderlich ist. Oft sind die Ziele viel zu hoch gesteckt, und so wird das Klavier zu einem weiteren Ort, wo Ergebnisse abgeliefert werden sollen. Ich glaube, dass dies der Grund ist, warum so viele „zu wenig Zeit“ am Klavier verbringen.

Gerade dann, wenn du gestresst bist und noch etwas „solltest“ (übrigens: die Definition von „sollen“ ist „müssen aber nicht wollen“), dann entspanne dich am Klavier. In meinen Kursen zeige ich immer wieder konkrete Übungen, wie du den Klang des Klaviers geniessen kannst – ohne fixe Vorstellungen und Ziele.